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Klopfer, Oktober 2017

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Klopfer, Oktober 2017

Lieber Klopfer,

wir beide kannten uns schon lange, schon aus unserem früheren, an das ich mich kaum noch erinnern kann. Ich weiß aber, dass es Sommer war, als man uns wegbrachte, ins Freie, uns beide einfach unserem Schicksal überließ, obwohl wir doch anders als unsere wilden Verwandten keine Chance haben, in freier Wildbahn zu überleben. Ich kann nicht sagen, wie lange wir herumirrten und hungerten, doch eines Tages hatten wir – rückblickend – Glück. Wir wurden von netten Menschen gefunden und an einen Ort gebracht, den die Menschen Tierheim nennen. Dort mussten wir in einem Käfig sitzen, weil noch so viele andere von uns dort waren. Doch warum sie dort saßen, das war mir nicht ganz klar. Jedenfalls bekamen wir jetzt regelmäßig zu Fressen und unser Käfig wurde gesäubert, auch wenn es eben furchtbar eng war und ich viel lieber überall herumgehoppelt wäre und die Umgebung erkundet hätte! Die Menschen waren alle sehr nett zu uns, bis auf die eine, die einmal mit einem fürchterlich großen und spitzen Ding zu uns kam, um uns zu piksen! Das fand ich gar nicht lustig, kann ich euch sagen, aber davon abgesehen ging es mir eigentlich nicht schlecht.

Gleich von Anfang an sagten diese Menschen aber, dass mit dir, liebster Klopfer, etwas seltsam sei. Das konnte ich gar nicht verstehen, denn ich habe dich nie anders gekannt und fand dich kein bisschen komisch, hatte auch nie Probleme mit deiner Art. Sie aber sagten, dass dein Kopf viel zu klein sei im Vergleich zu deinem Körper, und dass du zierlich wärst und dünne Haut und gelbe Zähne hättest. Vor allem hat sie aber irritiert, dass du manchmal ganz apathisch warst und dann auf gar nichts reagiert hast, im nächsten Moment bist du wieder gehoppelt und warst mein fröhlicher, lieber Klopfer. Sie nahmen dich aus dem Käfig und weg von mir, und als sie dich nach gefühlten endlosen Stunden wieder zurückbrachten, da sagten sie, dass deine Leber stark vergrößert sei und sie nicht wüssten, warum. Mir war das alles sowieso ganz egal, ich war nur froh, dass du wieder bei mir warst. Von da an kamen sie jeden Tag und gaben dir irgendwas ins Mäulchen, was du nie gemocht hast. Und dann, eines Tages, nahmen sie dich wieder und brachten dich fort. Und als du zurückkamst, hörte ich, dass du sehr krank bist und eine ganz schlechte Prognose hast und vermutlich nicht mehr lange leben würdest!

Ich war sehr traurig und konnte es doch nicht richtig begreifen, was das bedeuten solltest-  du warst doch mein Klopfer, mein Freund, der immer mit mir gekuschelt hat. Zwar hast du mir niemals die Ohren geschleckt, auch wenn ich mir das manchmal gewünscht habe, aber vermutlich hast du das einfach nie gelernt, weil man dich viel zu früh von deiner Mama weggeholt hat und es dir keiner gezeigt hat. Aber hey, niemand ist perfekt, und wir waren glücklich zusammen, du und ich.

Und dann kam ein Tag, als wieder jemand ins Tierheim kam, um uns einzupacken. Doch diesmal nahmen sie nicht nur dich mit, sondern auch mich! Und wieder brachten sie uns an einen anderen Ort, doch dieser Ort war so schön! Hier konnten wir hoppeln, laufen, rennen, einfach Kaninchen sein. Wir verbrachten einige glückliche Tage miteinander, doch unser Glück war nicht von Dauer. Ganz plötzlich ging es dir schlechter. Warst du am Tag vorher noch glücklich mit mir durch unser neues Zuhause gehoppelt., so saßest du jetzt nur noch traurig in einer Ecke. Die beiden Frauen, die sich hier um uns kümmerten, waren sehr bedrückt, und ich begann zu ahnen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Schließlich nahmen sie dich, packten dich ein, und brachten mich wieder weg von mir. Und als sie einige Zeit später zurückkamen, warst du nicht mehr dabei. Da wusste ich, dass du es nicht geschafft hattest. Du warst fort. Und ich nun ganz allein.

Liebster Klopfer, ich werde dich niemals vergessen. Du warst mein Freund, mit all deinen Besonderheiten, und ich habe dich immer genauso gemocht, wie du warst. Ich hatte mir gewünscht, dass wir zusammen eine glückliche Zukunft haben, nach all dem, was wir erlebt haben, aber es sollte nicht sein. Wenigstens konnten wir unsere letzten gemeinsamen Tage noch hier auf deiner Dauerpflegestelle verbringen, wo auch ich mich noch befinde. Meine Menschen sagen mir, dass sie bestimmt ein Für-immer-Zuhause für mich finden werden, in dem ich endlich ankommen kann, mit einem Partner für mich, damit ich nicht mehr einsam bin – ich weiß, das hättest auch du nicht gewollt. Doch wo immer ich hingehe, Klopfer, du bist immer bei mir. Ich und auch die Menschen aus dem Tierheim, die dich kennen und lieben gelernt haben, werden dich nie vergessen.

Deine Bambi