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Flocke, Februar 2015

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Darf ich mich an dieser Stelle kurz vorstellen? Mein Name ist Flocke, ich bin im Jahr 2014 geboren und gehöre zu den schüchternen, aber auch feschen Fähen unter den Frettchen. Von Oktober bis November 2014 habe ich noch den Namen Rosa getragen. Da ich immer wieder gefragt werde, wie es denn sein kann, dass man einfach seinen Vornamen ändert, habe ich mich entschieden, meine Geschichte von Oktober 2014 bis Januar 2015 zu erzählen...

Es gibt Tage, die können ein ganzes Leben verändern. Tage, an denen man morgens aufwacht und noch nicht weiß, was auf einen zukommt. Tage, die einfach alles, woran man bisher geglaubt hat, in nur kürzester Zeit zerstören. Diese Erfahrung musste ich selbst im Oktober 2014 machen, als ich im Tierheim Saarbrücken als verlassenes Fundtier abgegeben wurde. Dort wartete ich, nachdem ich tierärztlich versorgt und kastriert worden war, auf mein zukünftiges Schicksal, dessen Lauf am 02. November in neue Bahnen gelenkt werden sollte. An diesem Tag kamen nämlich drei Personen in den Baucontainer, in dem mein Käfig untergebracht war. Eine dieser Personen kannte ich, sie war für die Kleintiere im Tierheim zuständig. Aber mit den anderen beiden wusste ich nicht so Recht etwas anzufangen. Die eine Person war groß, kräftig und männlich, die andere groß und weiblich. Ich hörte nur von einem großen Verlust sprechen, Trauer, einem einsamen Rüden, der jedoch nicht altersmäßig zu mir passe... Ja genau! Zu mir passe! Ich konnte genau hören, dass von mir gesprochen wurde. Hier wurde einfach über mich entschieden, ohne zu fragen, wie ich das finde. Als die Frau sich dann auch noch zu mir runter beugte und einfach ihren Finger durch die Gitter steckte, sah ich meine Gelegenheit zur Abwehr und biß zu. Jawohl, ich wehrte mich gegen das dreiste Eindringen in mein Revier und hoffte so, mich schützen zu können. Wenig später waren die Leute wieder weg und es sollte bis zum darauffolgenden Samstag dauern, bis mein Tierheimalltag erneut durchbrochen wurde. Es war kalt draußen. Man setzte mich in eine Transportbox und brachte mich in das Büro des Tierheims. Dort konnte ich plötzlich den Geruch eines anderen Frettchens vernehmen. Wir wurden rausgetragen und dort konnte ich von meiner Box aus einen Blick auf ein weiteres Frettchen in einer Transportbox erhaschen. Nur wenige Minuten später fand ich mich in einem Raum mit zwei Rüden wieder. Der eine, Paul, war schon ziemlich alt, sehr relaxt und für meinen Geschmack zu vorwitzig und aufdringlich. Er war mit der Frau und dem Mann gekommen, die ich bereits aus der Woche zuvor kannte. Der andere, Charlie, war dreieinhalb Jahre alt und lief eher verpeilt und unkoordiniert durch den Raum. Er war mit einer fremden Frau gekommen, die erzählte, dass Charlie, ebenso wie Paul, durch einen Trauerfall einsam geworden sei. So saßen wir in dem Raum. Ich verharrte auf meiner Box, weil mir der Boden zu kalt und die Situation unheimlich war, während die anderen beiden kreuz und quer durch den Raum fegten. Nach etwa einer halben Stunde war der Spuk vorbei und jeder durfte zurück in die schützende Obhut seiner Transportbox. Doch dann geschah die nächste Ungeheuerlichkeit: Anstatt mich zurück in meinen Käfig zu bringen, entführte mich doch das Paar, von dem ich geglaubt hatte, ich hätte es mit meinem Biß eine Woche zuvor in die Flucht getrieben. Die nahmen mich einfach mit! Damals konnte ich ja noch nicht wissen, dass ich das im Nachhinein ziemlich toll finden sollte... Bei den Leuten angekommen, wurde meine Box geöffnet. Ich brauchte einige Zeit, um herauszukommen, doch dann war ich mehr als überrascht: Es stand zwar ein Käfig im Raum, aber niemand machte Anstalten, mich hinein zu setzen. Während Paul sich schnell schlafen legte, lief auch Charlie frei im Zimmer herum. Dies änderte sich selbst dann nicht, als alle Menschen den Raum verließen und wir plötzlich alleine waren. Ich blieb ruhig und checkte die Lage. Im Käfig hingen Hängematten, also steuerte ich diesen an und suchte mir erst einmal ein Plätzchen zum Schlafen. Dort erwischte mich mein neuer Dosenöffner, die Frau, die ich inzwischen gar nicht mehr so blöd wie am Anfang fand, direkt am nächsten Morgen zusammen mit Charlie. Von da an verbrachte und verbringe ich jede Nacht mit diesem Casanova. Doch damit endet meine Geschichte noch nicht. Vielmehr muss ich von einer weiteren Veränderung in meinem Leben, etwa zwei Wochen nach meiner Ankunft im neuen Zuhause, erzählen. Stellt euch vor: Es gibt inzwischen gar keinen Käfig mehr. Vielmehr wurde unser Zimmer artgerecht renoviert, es befinden sich überall Kletterrohre und es gibt zahlreiche Kuschelmöglichkeiten. Paul, der ältere Herr, bevorzugt es dabei, alleine zu schlafen. Vielleicht auch, weil er Charlie nicht so gut leiden kann wie mich und er es verweigert, mit ihm die Hängematte zu teilen. Doch wenigstens beim Spielen haben wir alle drei gemeinsam unseren Spaß, auch wenn dem Senior oft schnell die Puste ausgeht. Tja, was soll ich sagen? Seitdem verbringe ich meinen Tag damit, mir den Bauch vollzuhauen, mit dem vielen Spielzeug zu spielen, mit Charlie gemeinsam zu kuscheln oder meine Dosenöffner zu ärgern. Zu ihnen gehe ich inzwischen auch richtig gerne. Auch käme ich nicht mehr auf die Idee, sie zu beißen. Außer vielleicht im zu rasanten Spiel – aus Versehen, versteht sich...

Auf diese Weise habe ich also ein tolles neues Zuhause mit neuen Mitbewohnern gefunden und drücke allen Tierheimtieren die Pfötchen, dass es ihnen auch so gut ergehen wird!

Eure Flocke